Die Hochschulen engagieren sich «Für eine starke Pflege»

Santé Publié le 17.11.2021. Mis à jour le 18.11.2021.

Am 28. November 2021 ist das Schweizer Stimmvolk aufgerufen, sich zur Initiative «Für eine starke Pflege» zu äussern, die von den Hochschulen des Fachbereichs Gesundheit der HES-SO vollumfänglich unterstützt wird. Zehn Tag vor dieser Abstimmung äussern sich mit Nataly Viens Python, Direktorin der Hochschule für Gesundheit Freiburg, Jacques Chapuis, Direktor des Institut et Haute Ecole de Santé La Source, und Carole Wyser, Direktorin der Haute Ecole de Santé Vaud (HESAV), drei dieser Hochschulen zu den Schwerpunkten dieser Initiative.

Infirmier administrant des soins à une enfant

© HESAV

Die Patientinnen und Patienten stehen seit jeher im Mittelpunkt des Interesses der Pflegefachpersonen. Die Qualität der Pflege ist für den Beruf von zentraler Bedeutung. Sie wird aber durch den Pflegenot­stand, der in einigen Bereichen bereits spürbar ist, unter Druck gesetzt. Die Initiative bietet konkrete Lösungen für dieses Problem, wie Carole Wyser ausführt: «Die Kompetenzen der Pflegefachpersonen und die Verfügbarkeit von qualifiziertem Pflegepersonal haben einen erheblichen Einfluss auf die Pflegequalität und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Diese Initiative, die sowohl die Aus­bildung als auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen unterstützt, ist daher von entscheidender Bedeutung, um nachhaltige Antworten auf den Mangel an Pflegepersonal zu finden. Eine der Heraus­forderungen besteht zweifellos darin, genügend hochqualifiziertes Pflegepersonal auszubilden. Gleich­zeitig ist es aber auch wichtig, die Arbeitsbedingungen verbessern zu können (familienfreundliche Struktur, Lohn, Anerkennung einer gewissen Autonomie beim Verschreiben von Leistungen, Karriere­entwicklung), um ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf zu verhindern.»

Denn die Situation ist eindeutig: Fast ein Drittel der Pflegefachpersonen wendet dem Beruf noch vor dem 35. Lebensjahr den Rücken zu. Für Nataly Viens Python handelt es sich dabei um eine deontologische Frage: «Warum soll man Fachkräfte ausbilden, die danach nicht die erforderlichen Bedingungen vorfinden, um ihre Fähigkeiten in die Praxis umsetzen oder die Pflegequalität gewähr­leisten zu können, und die den Beruf, kaum dass sie 35 Jahre alt sind, erschöpft verlassen?»

Auch für Jacques Chapuis sind Pflegequalität und Pflegekarriere eng miteinander verbunden: «Erfahrene Pflegefachpersonen im Beruf zu halten bedeutet, ihre Arbeitszufriedenheit zu gewährleisten, und diese hängt unter anderem davon ab, ob die klinische Realität und die Werte des Berufs übereinstimmen. In dieser Hinsicht sind die Qualität der Pflege und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten Schlüsselwerte, bei denen die Pflegefachpersonen zu keinen Kompromissen bereit sind.»

Ungenügender Gegenvorschlag

Am 28. November stimmt das Schweizer Volk auch über den Gegenvorschlag des Bundesrates und des Parlaments ab. Dieser legt zwar den Schwerpunkt auf die Ausbildung von Pflegefachpersonen, ist aber nach Ansicht der beiden Direktorinnen und des Direktors der drei Hochschulen völlig unzureichend. «Der Gegenvorschlag geht nicht weit genug und verfehlt das Ziel deutlich», betont Jacques Chapuis. «Die Antwort der Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf die Ausbildungsproblematik ist ziemlich überraschend, weil das versprochene Geld nur verfügbar gemacht wird, wenn die Kantone den Einsatz verdoppeln, was aber keineswegs sicher ist. Zudem scheint die Summe zwar beträchtlich zu sein, aber es wird nicht klar definiert, wofür das Geld eingesetzt werden soll. Es ist eine Art unkonkretes, hypothetisches Versprechen, mit dem die Zahl der Studierenden massiv erhöht werden soll. Aber die Hochschulen sind in der Westschweiz bereits voll und ihr Wachstum wird durch die Auslastung der Praktikumsplätze beschränkt.» Das Thema Praktika wird auch von Nataly Viens Python angesprochen: «Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in Bezug auf diesen Gegenvorschlag hervorgehoben werden muss, sind die Gegebenheiten im Ausbildungsumfeld. Ein Drittel der Ausbildung findet als Praktika in der Berufspraxis statt. Es ist gut, mehr Pflegende auszubilden, aber man muss den Studierenden während dieser praktischen Ausbildungsphasen auch eine qualitativ hochwertige Betreuung bieten. Durch eine Stärkung der Pflegeteams würde die Initiative die Qualität dieser Betreuung sicherstellen, was beim Gegenvorschlag nicht der Fall ist.»

Die zwei Direktoren und der Direktor kritisieren aber vor allem, dass der Gegenvorschlag die Frage der Arbeitsbedingungen ausser Acht lässt. «Es ist illusorisch, Antworten auf den Mangel an Pflegepersonal geben zu wollen, ohne zu berücksichtigen, die Arbeitsbedingungen in diesem Beruf dringend verbessert werden müssen. Ausbilden ohne die Fachkräfte im Beruf zu halten ist eine unrentable Investition in unser Gesundheitssystem. Diese beiden Elemente sind untrennbar miteinander verbunden und es braucht beide, um die Attraktivität des Berufs zu gewährleisten und den Personalnotstand zu beheben», so Carole Wyser. Und Jacques Chapuis bekräftigt: «Das Portemonnaie zu öffnen, um eine grosse Zahl von zusätzlichen Pflegenden auszubilden, ändert nichts an den Ursachen für das Ausscheiden aus dem Pflegeberuf. Deshalb verfehlt der Gegenvorschlag sein Ziel, während die Initiative diese wichtige Herausforderung angehen will.»

Schlusswort

Carole Wyser

«Es reicht nicht, dem Pflegepersonal zu applaudieren, jetzt muss diese Anerkennung in konkrete Massnahmen umgesetzt werden. Wir sind alle betroffen. Die Pandemie hat jedem und jeder von uns gezeigt, dass das Pflegepersonal ein tragender Pfeiler unseres Sozial- und Gesundheits­systems ist. Wir müssen uns der Tragweite der Abstimmung vom 28. November bewusst sein: Die Entscheidung, die wir dann treffen, wird sich auf unser gesamtes Gesundheitssystem auswirken und hoffentlich positive Folgen für unsere Zukunft haben.»

Jacques Chapuis

«Die Kampagne zugunsten der Initiative rückt die Pflegefachpersonen ins Rampen­licht. Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, sie nachhaltiger zu ehren als mit dem Applaus, den sie während der ersten Covid-Welle erhalten haben. Die Führung eines solchen politischen Kampfes versetzt die Pflegefachpersonen aber auch in eine ungewohnte Sphäre – in die Sphäre der Macht, des Einflusses und der Politik. Der Berufsstand wird dazu aufgefordert, zu debattieren, zu argumentieren und sein Fachwissen und die Breite seiner Praxis deutlich zu machen. Und das ist ein heilsamer neuer Weg für einen Beruf, der im Wesentlichen auf den Dienst an Kranken ausgerichtet ist.»

Nataly Viens Python

«Im Grunde genommen geht es bei dieser Initiative darum, der gesamten Schweizer Bevölkerung den Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Pflege zu gewährleisten. Es geht also um die Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer, um das Recht, in Würde gepflegt zu werden, indem die Patientensicherheit gewährleistet wird. Das betrifft uns alle! In diesem Sinne geht es um ein Allgemeingut, das es verdient, in der Verfassung verankert zu werden, wie dies in anderen Bereichen ebenfalls der Fall ist. Seit Jahren versuchen Pflegefachpersonen, auf die bestehenden Schwierigkeiten und die damit verbundenen Gefahren für den Zugang zur Pflege und die Pflegequalität aufmerksam zu machen. Diese Initiative bietet Lösungen an.»